Im Wald (Repost von 2015), handschriftlich wiedergefunden

Ich mag Wälder. 

Sie haben etwas unkontrollierbares, undurchdringliches, uneinschätzbares.

Man weiss oft nicht, was einen erwartet. Man kann die Orientierung verlieren, oder findet gar nicht mehr heraus. Wer weiss schon, was passiert? Ich mag den Schutz, dem man sich hingibt, je tiefer man in den Wald geht. Die Ruhe; nur das Rascheln und Knacksen von Ästen, Blättern oder der Nadeln auf dem Boden. Dieser intensive Duft der Tannennadeln oder der Kiefern, weicher und bemooster Boden. Der Wind, der durch die Bäume pfeifend eine Geräuschkulisse zaubert, die Surrealismus erzeugt, die kein Kino mit keiner Anlage erzeugen kann. Man hat das Gefühl, Zeit hätte keine Bedeutung. 

Außer, man ist im Wald und die Dämmerung bricht herein. Dann hat man das Gefühl, alles würde im Zeitraffer passieren, der Wald entfaltet seine schaurige Schönheit erst so richtig im vergehenden Licht. Du verlierst die Orientierung, jeder Baum sieht gleich aus. Und das Pfeifen des Windes wird unheimlich, Angst beschleicht Dich. Die Fantasie entfaltet sich und sprüht Funken vor Inspiration.

Niemand geht nachts in den Wald, jedenfalls sicher nicht gern und allein. Es sei denn, Du bist auf der Jagd- oder Du bist der Gejagte. 

So wie ich. 

Ich war auf der Flucht, schwer verletzt auch noch. Warum? Kurz gesagt:

-> Freundin

-> Trennung

-> Ergo Ex- Freundin

-> Messer

-> Tiefe Bauchwunde

Und da die Hölle keinen Zorn kannte, wie den einer verschmähten Frau, ist das Ergebnis die Flucht mit einer schwer blutenden und tiefen Bauchwunde in den nächstgelegenen Wald, Zuflucht im Schutz des Dickichts vor dem sicheren Tod durch das Messer, durch die Ex- Freundin. 

Das Messer, welches den Weihnachtsbraten so leichtgängig teilte wie Butter, in den Händen einer Frau, die mir nach eben jenem fürstlichen Weihnachtsmahl als Dankeschön den besten Blowjob meines Lebens gab, sollte nun mein Ende sein. 

Perplex durch ihre unglaubliche Tat ist es nur meiner guten Kinderstube zu verdanken, dass ich die Flucht einer Tracht Prügel, welche mit Sicherheit ihr sicheres Ende bedeutet hätte, vorzog. 

Und so rannte ich, vor ihren, vor Enttäuschung, Verletzung und Verzweiflung wie wahnsinnig flackernden Augen und mehr, noch schmerzhafteren Stichen, nach Schutz suchend in den Wald. Nach einiger Zeit ziellosen Rennens, Stolperns, ließ ich mich im Unterholz nieder, nach Luft japsend, schwitzend und blutend wie ein Schwein und auf bestem Wege in die Bewusstlosigkeit. 

Doch ich riss mich zusammen, versuchte, ruhiger zu atmen und zwang mich zur Konzentration. Verfolgte sie mich noch? 

Oder war sie ganz leise auf der Pirsch? 

In der näher kriechenden Dunkelheit, die harsche Kälte mit sich brachte, konnte ich sie nicht ausmachen. Jedes Knacksen in der Umgebung ließ mich zusammenzucken. Im Restlicht des Tages konnte ich nur schwach sehen, aber vor allem fühlen, wie mir das warme Blut über die die Bauchwunde haltende Hand lief. Ich saß erst kurz hier versteckt, dennoch konnte ich fühlen, wie das Blut am Bauch entlang, hinunter zu meinem linken Oberschenkel und danach in Richtung Po rann. Es muss schon viel sein, dachte ich noch, merkte dann aber, wie meine eh schon schlechte Sicht immer verschwommener wurde. 

Kälte spürte ich nicht mehr, mein Atem wurde ruhiger, das pulsierende Austreten des bisher noch im Körper verbliebenen Restblutes wurde immer langsamer. Und ich wurde immer müder…

Wach bleiben!

Wenn Du jetzt einschläfst, stirbst Du!

Doch soviel ich mich wehrte, es war sinnlos. 

Wie die letzten Gespräche mit ihr. Man kommt nicht dagegen an. Egal, was man sagte oder tat. 

Also gab ich es auf. Und beendete die Beziehung. Ich schlief ein. 

Sie beendete mein Leben.  

Im Wald (Repost von 2015), handschriftlich wiedergefunden

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